September 2024 – Eindrücke aus Kabul

6. September 2024

Liebe Freunde von OFARIN,

Am Dienstag (3.9) und Mittwoch bin ich nach Kabul geflogen. Das Personal auf dem Kabuler Flugplatz war ausgesucht höflich. Auch die mitreisenden Afghanen waren hilfsbereit und entgegenkommend. Wenn man auch noch zugab, ein Deutscher zu sein, kannte die Zuneigung kaum noch Grenzen.

Die Herren, bei denen jeder Ausländer ein Formular und den kleinen Aufenthaltsausweis ausfüllen muss, zeigten, dass sie auch anders können.

Vor mir wurden drei Chinesen abgefertigt. Die wurden mit Unfreundlichkeiten und Schikanen überhäuft. In Dubai wurde eine Reihe junger Männer für die Weiterreise nach Kabul als Gruppe abgefertigt. Ich fragte mich, ob das wohl die Afghanen sind, die Deutschland ausgewiesen hat. Andere Reisende erklärten mir, dass die jungen Männer aus Saudi-Arabien abgeschoben würden. Sie machten einen ganz aufgeräumten Eindruck. In Saudi sind wohl andere Gründe für eine Abschiebung maßgebend als in Deutschland.

In Kabul traf ich am Mittwochabend ein. Unser Garten quillt über von Pflanzen und Blumen. Bahruddin, Naqib, Hekmat und Khairullah haben ganze Arbeit geleistet. Donnerstag war ich noch nicht wieder fit. Aber die Gespräche mit den Mitarbeitern waren aufmunternd. Schon Wahed, den sein Vater Aziz uns als Hilfskoch aufgedrängt hatte, ließ beim Frühstück keine Müdigkeit aufkommen. Er arbeitet sehr gewissenhaft und zeigt dabei immer ein fröhliches Lächeln. Hewad, unser Finanzchef, sagt mir: „Wahed muss im Büro arbeiten. Der ist viel zu schade für die Küche.“ Diesen Gedanken hatte ich auch. Aber wenn der Paschtune Hewad von sich aus darauf kommt, ist mir das sehr recht. Wahed ist ein Hazara und ist als Schiit auch von anderer Konfession als Hewad.

Eine Ölmühle, mit der man Nussöl aus Walnüssen pressen kann, muss aus wertvollen Metallen hergestellt sein, sonst befinden sich Abriebbestandteile des Metalls im Nussöl. Man müsse für eine gute Mühle aus türkischer Produktion mit 10.000 $ rechnen.

Um die Erosion weiter einzuschränken, planen wir im Projektgebiet in Tani, wo wir im letzten Winter Nussbäume gepflanzt hatten, Mauern aus Bruchsteinen, die mit Maschendraht zusammengehalten werden, in den Abflussrinnen der Niederschläge zu errichten. Dafür waren inzwischen die Kosten abgeschätzt worden. Es ist mit 45.000 $ bis 50.000 $ zu rechnen.

Auf dem Flug von Dubai nach Kabul konnte man sehen, wie die Flüsse den afghanischen Boden in riesigen Mengen nach Pakistan transportieren.

Hewad und Mudir brachen nach dem Essen in ihre Heimat Khost auf. Dort mussten zwei Informationsseminare über Bewaldung und Erosion durchgeführt werden. Außerdem mussten die Partner im Bezirk Dzadzi-Maidan zusammen mit Beamten der Landwirtschaftsbehörde besucht werden. Hier soll im kommenden Spätherbst und Winter eine weitere riesige Anpflanzung von Nussbäumen beginnen. Und schließlich nahmen sie Haselnüsse mit, die ich aus dem Garten von Freunden mitgebracht hatte.

Die werden in Khost in einem Glashaus eingepflanzt. Haselnüsse sind in Afghanistan fast unbekannt, obwohl sie in der Türkei, im Iran, in Pakistan und in Indien wachsen. Vielleicht lässt sich daraus etwas machen.

Naqib hatte auch über die Ausweitung der Solaranlage im Kabuler Büro verhandelt. Bisher konnten wir nur die Internet-Verbindung und die Alarmanlage mit Solarstrom betreiben. In Zukunft werden wir genug Solarstrom für alle Computer, die Wasserpumpe, die Beleuchtung, den Staubsauger, die Waschmaschine und einen Boiler haben. Die Erweiterung kostet uns 3.000 $ und erspart uns monatlich mehr als 200 $ Stromkosten.

Der Inhaber der Solarfirma stammt natürlich aus der Heimat von Naqib.

Naqib hat scheinbar einen sehr soliden Eindruck auf den Mann gemacht.

Dieser bat ihn darum, als Brautwerber Kontakt zu einer Familie aufzunehmen, deren Tochter er gerne mit seinem Sohn verheiraten würde.

Dass ist eine ehrenvolle Aufgabe, und Naqib ist heute früh ebenfalls nach Khost aufgebrochen.

Aus Khost meldet sich Mir Wais per E-Mail. Er klagt über das Schicksal insbesondere von Frauen, die keine Chance auf Ausbildung und Berufstätigkeit haben. In nur drei Monaten hat er aus dem Freundeskreis von über 15 Selbstmorden von Frauen erfahren. Es gäbe auch viele Fälle von Mädchen, die sehr jung verheiratet werden sollen, weil die wirtschaftliche Lage der Familie dazu zwinge.

Mir Wais möchte einen Telefonnotruf für Frauen einrichten, und OFARIN solle sich daran beteiligen. Ich werde mit Mir Wais darüber sprechen.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie ein solcher Telefondienst funktionieren soll. Die meisten Selbstmorde von Frauen muß man der Politik der afghanischen Staatsführung anlasten. Vielleicht kann ein Telefondienst in Einzelfällen helfen. Den allermeisten wird das nicht helfen. Hier ist eine Änderung der Politik nötig. Das ist aber nicht die Aufgabe von uns Ausländern. OFARIN hat als ausländische Organisation insbesondere im Schulbereich genug Reibungsflächen mit dem afghanischen Staat. Um andere Arbeitsgebiete nicht zu gefährden, scheint mir ein Engagement bei der Telefonhilfe von Mir Wais gewagt.

Heute ist Jumah, der wöchentliche Feiertag. Nur der Koch und der Türwächter und Gärtner Khairullah sind im Haus. Khairullah erzählt mir, wie schwierig das Leben in Afghanistan ist. Er wohnt in Karabagh, 40 km nördlich von Kabul. Dort hat er ein Haus, das aber seit dem letzten Erdbeben nicht mehr sicher ist. Außerdem hat er 50 Weinstöcke. Doch die Ernte ging durch die schweren Regen, die diesen Sommer fielen, komplett verloren. Ein Freund aus Karabagh ist seit sieben Jahren in Hamburg. Der möchte gerne, dass Khairullah auch nach Deutschland kommt. Der Freund besitzt einen Supermarkt. Solche Aussagen muss man relativieren. Der Freund wird wohl in einem Supermarkt angestellt sein und dort die Ware aus dem Lager holen und in die Regale im Verkaufsbereich einsortieren.

Jetzt soll ich helfen, dass Khairullah nach Hamburg kommt. Ich habe schon für viele unserer Mitarbeiter Anträge gestellt, damit sie nach Deutschland kommen. Bei keinem einzigen hatte ich Erfolg, obwohl einige

– im Gegensatz zu Khairullah – wirklich gefährdet waren. Die Entscheidung über Einreisen nach Deutschland fällt nach einem vollkommen intransparentem Verfahren. Für Khairullah gibt es keine Möglichkeit nach Deutschland zu kommen, zumal die deutsche Politik in den nächsten Jahren sehr restriktiv sein dürfte.

Ich rate Khairullah die realen Möglichkeiten in Afghanistan zu nutzen, um seine Lage zu verbessern. Er solle sich ein Beispiel an Naqib nehmen.

Der teilt zusammen mit seiner Frau den monatlichen Lohn genau auf. Da gibt es Rücklagen für Krankheiten der Familienmitglieder und für andere unvorhersehbare Ereignisse. Aber Khairullahs Mutter ist krank. Da bleibe nichts übrig. Auch die Mutter von Naqib ist krank. Sie leidet an Zucker.

Aber die Familie von Naqib sei viel reicher. Das ist sie nicht. Naqib ist bei OFARIN eine Führungskraft, aber er verdient kaum mehr als Khairullah. Naqib hat mit anderen Kollegen Geld zusammengekratzt. Dafür haben sie Land gepachtet und darauf Eukalyptusbäume gepflanzt. Die können sie im übernächsten Jahr mit hohem Gewinn verkaufen. Aber es ist genau dieser Schritt, der Khairullah davon abhält, Geld zurück zu legen, um später etwas Größeres zu verwirklichen.

Ich nehme an, dass der Islam durch die starke Betonung der Plicht des Menschen, ärmeren Mitmenschen zu helfen, zu dieser Haltung beiträgt.

Jeder kennt reichere Mitbürger, die verpflichtet sind, einem zu helfen.

Die müssen spenden. Praktisch alle Menschen haben daher ein Recht, andere anzubetteln. Die meisten Afghanen können sich nur vorstellen, Geld für eine Investition zu bekommen, indem ihnen einer, der verpflichtet ist zu spenden, unter die Arme greift. Das darf auch ein Kredit sein, bei dem der Empfänger allerdings immer das Gefühl hat, dass der Geber eigentlich die Pflicht hat, ihm die Schuld zu erlassen.

Ich habe Khairullah geraten, nicht von einer Welt zu träumen, die er nicht kennt und die es nicht gibt, sondern in der Heimat, wo er sich auskennt, nach Möglichkeiten zu suchen, um seine Lage zu verbessern. Er solle Geld zurücklegen, um sein Haus zu sanieren und seine Weinstöcke ertragreicher zu machen. Khairullahs Weinstöcke liegen auf einer Furche, direkt im Sand oder, wenn sie bewässert oder beregnet werden, im Matsch.

Würde er Rücklagen bilden, könnte er die Weinstöcke mit Pfeilern und Drähten hochziehen und hätte viel bessere Erträge und keine totalen Ernteausfälle.

Viele liebe Grüße,

Peter.

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